Leserbrief an die NZZ

Als Antwort auf einen Artikel in der NZZ vom 9. Dez. 2013 über den Masoala Nationalpark und die Beteiligung des Zürcher Zoos schrieb der langjährige Madagaskarkenner Dr. Heinz RUDOLF VON ROHR den folgenden Leserbrief an die NZZ. Die NZZ veröffentlichte am 14. Dez. 2013 eine gekürzte Version.

Die begehrten Edelhölzer von „Masoala be“ 

(NZZ vom 9. Dezember 2013)

Es ist unbestritten: Die Masoala-Halle im Zoo Zürich ist eine ausgezeichnete Leistung und trägt zu einem besseren Verständnis des Regenwaldes bei. Leider trifft dies für den Masoala-Nationalpark in Madagaskar nicht in gleichem Ausmass zu. Der Schutz der Edelhölzer wie zum Beispiel Rosenholz, wird nicht respektiert. Die Standpauke des Ministerpräsidenten wegen dem Raubbau ist heuchlerisch, denn es sind vor allem Regierungsmitglieder, die mit dem illegalen Holzhandel mit den Chinesen tüchtig in ihre eigene Tasche wirtschaften. Aber auch bei der Ausweitung der Nationalparkgrenzen kommt es immer wieder zu Spannungen mit der ansässigen Bevölkerung. Langjährige wissenschaftliche Beobachtungen von Ethnologen zeigen die vielfältigen Ursachen für die Streitigkeiten zwischen der Parkbehörde und den Einheimischen auf, leider ohne die notwendige Beachtung bei den Behörden und ihren Beratern. Mit dem ‚Systhème de Risiculture Intensive’ lassen sich die Probleme rund um die Brandrodung nicht aus der Welt schaffen.

Nach Informationen aus verschiedenen Quellen hat der Zoo Zürich ein weiteres Projekt in Angriff genommen, nämlich den Kakaoanbau in der Region von Maroantsetra. Damit schlüpft er Schritt für Schritt in die Rolle einer Entwicklungsorganisation, ohne dass die Verantwortlichen über die dafür notwendigen Kernkompetenzen verfügen. Im Wissen um diesen Mangel hat der Kurator der Masoala-Halle zusammen mit Helvetas vor zwei Jahren eine Machbarkeitsstudie durchführen lassen. In ihrem Bericht haben die Experten auf erhebliche Risiken für den Kakaoanbau hingewiesen. Darauf verzichtete Helvetas auf ein weiteres Engagement in diesem Projekt, der Zoo dagegen hielt trotzdem an seinem Vorhaben fest.

Die grösste Gefahr für eine Kakaoplantage bilden die regelmässig auftretenden Zyklonen an der Ostküste Madagaskars. Da der Kakaobaum eine Schattenpflanze ist(ca. 10 bis15 Meter hoch, meistens auf 4 bis 6 Meter zurückgeschnitten) und deshalb im Schutz von grösseren Tropenbäumen wächst, sind Plantagen sehr anfällig auf heftige Winde, wie sie in Zyklonen meistens auftreten.

Diesem Umstand haben die Franzosen Rechnung getragen, als sie während der Kolonialzeit auf Madagaskar Kakao- und Kaffeeplantagen angelegt haben. Sie wählten dafür die Waldgebiete an der Nordwestküste, hauptsächlich in der Region von Ambanja und im Tal des Sambirano. Unter dem schützenden Laubdach und der dabei herrschenden Luft- und Bodenfeuchtigkeit gedeihen die Kakao- und Kaffeebäume bestens.

Die Plantagen in diesen Gebieten liefern auch heute noch gute Erträge von jährlich 5'000 Tonnen Kakao bester Qualität (Criollo). Ein Teil dieses Kakaos wird in der Schokoladefabrik Robert in der Hauptstadt Antananarivo verarbeitet, der Rest, ca. 4'000 Tonnen, wird exportiert. Dank der Produktion von Tafelschokolade und Confiserie finden zudem zahlreiche Menschen Arbeit und die Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt bleibt vollständig im Lande selbst.

Da stellt sich doch die Frage, warum der Zoo Zürich mit seinem Projekt eine Konkurrenz zu einem funktionierenden Produktionssystem aufbaut, ohne vorher mit den Verantwortlichen der Firma das Gespräch gesucht zu haben. Wenn es den Verantwortlichen des Zoos wirklich um eine soziökonomische und nachhaltige Hilfe ginge, dann wäre er besser beraten, Schokolade aus Madagaskar für seine Verkaufszwecke zu beziehen, als wertvolles Ackerland in der Region von Maroantsetra dem Reisanbau zu entziehen. Vergessen wir nicht: Der Reis ist das Grundnahrungsmittel für die Madegassen.

Der Prozess der Verarbeitung der Kakaofrüchte ist zudem anspruchsvoll und verlangt eine spezifische Ausbildung und langjährige Erfahrung. Diese Voraussetzungen sind im traditionellen Anbaugebiet für Kakao in der Region von Ambanja erfüllt und bilden die Grundlage für eine nachhaltige Nutzung des Bodens. Sie anderswo aufzubauen und zu entwickeln verlangt entsprechende finanzielle Mittel und viel Zeit.

Das Kakaoprojekt entspricht wohl eher dem Prestige und der Werbung für den Zoo Zürich und weniger der Sorge für die Bedürfnisse und die Kenntnissen der Bevölkerung rund um die Bucht von Antongil.  Deshalb müsste der Spruch „Schuster bleib bei deinen Leisten“ auch für die Verantwortlichen des Zoos Zürich gelten.

Dr. Heinz Rudolf von Rohr, Solothurn