Madagaskar – eine menschenleere Wildnis?

Ein Kommentar zum Hollywood Film von Eva Keller, Dezember 2012

Alex, der liebenswürdig eingebildete Löwe, Marty, das träumerisch mutige Zebra, Gloria, das sexy Nilpferd, Melman, die hypochondrische Giraffe – welches Kind kennt sie nicht! Der Kern der Story ist schnell erzählt. In Madagaskar 1 büchsen die vier Freunde aus dem Zoo in New York aus, auf der Suche nach der Wildnis. Diese finden sie in Madagaskar, wo sie nach gefährlichen Abenteuern an Land und auf See angespült werden. Alex & Co. treffen auf die einheimischen Lemuren, freunden sich mit diesen an und stehen ihnen im Kampf gegen die bösen Fossa – ein pumaähnliches Raubtier – tatkräftig und erfolgreich zur Seite. Menschliche Wesen treten keine in Erscheinung.

Madagaskar ist weltweit für seine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt  bekannt. Von der Bevölkerung hört man ausser im Zusammenhang mit Abholzung kaum etwas in der öffentlichen Diskussion. 2011 produzierte die BBC einen vierteiligen Dokumentarfilm über Madagaskar, der auch im Schweizer Fernsehen in einer gekürzten Fassung zu bester Sendezeit ausgestrahlt wurde. Abgesehen von einem einzigen Satz, in dem auf die Bedrohung der einmaligen Natur durch Raubbau und Wilderei hingewiesen wurde, war mit keinem Wort von den 20 Millionen Menschen, die auf Madagaskar leben, die Rede. In der englischen Originalversion waren es insgesamt drei Sätze. Man hätte glauben können, die Insel sei unbewohnt.

“Was wisst ihr über Madagaskar? Wie stellt ihr euch dieses Land vor?” Diese Frage habe ich zahlreichen Schulklassen im Kanton Zürich gestellt. Die Antworten der Primarschulkinder zeigten, dass die meisten von ihnen die Vorstellung haben, in Madagaskar lebten nur sehr wenige Menschen. Einige fragten sich, ob es dort überhaupt Menschen habe und einzelne bis zum Alter von etwa neun Jahren waren der Meinung, die Menschen in Madagaskar seien von wilden Tieren gefressen worden oder an Hunger gestorben, und dass es dort nur tote Menschen gebe, so wie dies der Lemurenkönig den New Yorker Zootieren in Madagaskar 1erläutert:

Alex, der Löwe, zum Lemurenkönig: “Gibt es hier auch Menschen?”
Lemurenkönig: “Ja, da oben!” – und deutet grinsend in die Wipfel des Urwaldes, wo ein menschliches Skelett baumelt. “Habt ihr auch lebende Menschen?”, fragt der konsternierte Löwe nach.
Lemurenkönig: “Nein, nur tote. Seien wir mal ehrlich, wenn es hier viele lebende Menschen gäbe, wäre das hier ja wohl kaum die Wildnis, oder?”

Die beiden folgenden Teile der Trilogie haben mit Madagaskar nichts mehr zu tun. In Madagaskar 2 verweilen die vier Freunde nach einer Bruchlandung ihres maroden Flugzeuges in einem afrikanischen Tierreservat, wo es um den Machtkampf zwischen zwei Anführern eines Löwenrudels, um rituelle Opfer und ausbleibenden Regen geht. In Madagaskar 3, der aktuell in den Kinos läuft, gelangen die Zootiere mit Hilfe einer Zirkustiercrew und nach weiteren Abenteuern endlich zurück in ihre Heimat, nach New York! Auf dem Weg dorthin stellt sich ihnen allerdings immer wieder eine hintertriebene Tierpolizistin in den Weg, die den Zootieren an den Kragen will und deren Haus voller ausgestopfter Artgenossen ist. Sie ist der Inbegriff des Bösen. Nach zahlreichen Schreckmomenten, wo das eine oder andere Kind den Atem anhalten und um das Leben der liebgewonnenen Zoo- und Zirkustiere bangen dürfte, wird die böse Lady geschnappt und gefesselt. In der letzten Szene der Trilogie kehrt die Handlung zum titelgebenden Land zurück: Die Tiermörderin wird nach Madagaskar in die Verbannung geschickt, in die Wildnis auf nimmer Wiedersehen.

Madagaskar ist vielleicht nur in einem Trickfilm aus Hollywood ein Ort der Verbannung fernab jeglicher Zivilisation, aber als eine Wildnis oder ein Naturparadies am Ende der Welt stellen sich das Land viele vor. Die Menschen gehen dabei vergessen. Das Bild Madagaskars als Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen führt mitunter dazu, dass Bauern den Zugang zu ihrem Land ganz oder teilweise verlieren, wenn Naturschutzgebiete geschaffen werden, wie beispielsweise der Masoala Nationalpark. Das Recht der Menschen auf eine sichere und würdige Existenz wird dadurch gefährdet.

Eva Keller führt seit 1998 ethnologische Forschungen in Madagaskar durch. Sie ist ausserdem Präsidentin des Vereins „Human Rights in Masoala“.

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